Sonntag,
25. Juni 2017

Die Vertreibung der Stille


Ökologie, August 2005

Von morgens bis abends und überall sind wir einer permanenten Geräusch-kulisse ausgesetzt, nicht ohne Folgen für unsere Erlebnisfähigkeit. Das Buch beschreibt, wie Musik und Lärm auf Körper und Psyche des Menschen Wirken und welche Gefahren lauern. Es enttarnt die Manipulations-Mechanismen, zeigt die Lärmquellen auf und nennt die Verursacher und ihre Motive. Rüdiger Liedtke denkt nach über akustische Nervtöter, musikalische Drogen und die "lauteste Welt, die es je gab". Nicht zuletzt versucht er, den Umgang mit Stille neu erfahrbar zu machen.


Hörakustik, August 2005

... Sehr interessant und informativ geschrieben. Und trotz einiger Wieder-holungen sehr empfehlenswert!


pro Zukunft, Oktober 2004

Wir kennen es alle und nehmen es oft gar nicht mehr bewusst wahr – das musikalische Hintergrundgedudel im Supermarkt, in der Arztpraxis oder im Chinarestaurant. Die permanente Berieselung durch Musik oder Geräusche hat aber nicht nur einen Nerven belastenden, sondern auch einen manipulativen Aspekt, wie der Autor Rüdiger Liedtke zu zeigen versucht. Er beschreibt, wie der dauernde Klangteppich auf Körper und Psyche des Menschen wirkt, zeigt die Motive der Manipulationen und nennt die Verursacher des "Klangterrors". Er geht sogar soweit zu sagen, dass die permanente akustische Glocke, die uns um unsere Sinne bringt, gegen das Grundrecht des Menschen auf freie Entfaltung verstößt. Die Freiheit des persönlichen, individuellen Musik-geschmacks sollten wir uns seiner Ansicht nach nicht nehmen lassen...


Tageszeitung taz, 3. April 2004

Das tägliche Gedudel

Mit Lautstärke lassen sich ältere Semester bequem verjagen. Denn obgleich das Gehör im Alter abnimmt, entsteht doch ein dringendes Bedürfnis nach Ruhe und Frieden. Die Zeit der Ohrstöpsel beginnt. Selbst bei denen, die einst mit Lärm konzertierten und dem braven Theaterpublikum kokett mit dem Ohrstöpsel winkten. Zum Auftakt der neuen Einstürzenden-Neubauten-Tour sprach Neubautenchef Blixa Bargeld in einem Interview davon, dass er nicht ewig Krach und Chaos machen könne. Das Bedürfnis nach sanften Tönen ist ein untrügliches Zeichen für die Weisheit und Weichheit des Alters.

Radio, Computer, Fernsehen und Tonträger sorgen dafür, dass wir ständig von Musik und Geräuschen umgeben sind. Orchester ohne Leib spielen im Schlaf-zimmer zum Walzer auf und im Supermarkt animiert sinnfreie Dudelmusik zum Kauf einer Ananas. Autor Rüdiger Liedtke widmet sich der Vertreibung der Stille: der akustischen Penetration durch Dauerberieselung, durch Manipulation und den krank machenden Eigenschaften von Musik und Lärm. Detailliert zitiert Liedtke Resultate wissenschaftlicher Forschung über gesundheitsschädliche Auswirkungen durch brüllend laute Walkmänner, Rockkonzerte und Straßenlärm. (...)

Ein Kapitel ist der Manipulation und dem Einsatz von Musik zur Absatz-steigerung gewidmet. Jingles im Werbespot brennen sich in die Köpfe ein und verbinden Klagfolgen automatisch mit einem bestimmten Produkt. (...) Ähnlich fantasielos funktionieren mittlerweile auch die meisten Radiosender. Weghören ist angesagt, meint Autor Liedtke: Immer gleichförmiger, nach vorgeblichen Hörerinteressen ausgerichtet, von Marktforschern ausgetüftelt, dudeln die Programme ununterscheidbar vor sich hin. Die Verflechtung der Musilindustrie mit den privaten und öffentlichen Stationen habe diese Situation herbeigeführt. Dass Musik manipuliert und betört, zeigt natürlich auch ihre Kraft und ihre spirituelle Energie. Die heilende Schamanentrommel fehlt ebenso wenig im Plädoyer für die Stille wie der Gesang zur Hebung der Arbeits-produktivität. Die Neue Musik dagegen, von Stockhausen bis Boulez, hat es schwer. Nicht nur das Publikum, sondern auch ihre Interpreten leiden unter den "klanglichen Spannungen". Und nicht selten befalle die Orchester-mitglieder nach vollzogenen Konzert der unwiderstehliche "Drang sich zu betrinken". Das klingt lustig.


Norddeutscher Rundfunk, 17. März 2004

Hämmernde Gitarren, dröhnendes Schlagzeug – niemand kann erstaunt sein, dass diese Geräuschkulisse aus dem Radio, dem CD-Player, Fernseher oder vor Ort in der Disco die Ohren im wahrsten Sinne betäubt. Aber es sind nicht nur diese aggressiven Töne, denen wir täglich ausgesetzt sind. Es beginnt schon mit dem Radiowecker, setzt sich fort mit der Musik im Lift, begleitet uns in Kaufhäusern, auf den Straßen, in Hotels, Restaurants und bei Friseur – von allen Seiten klingt es, swingt es, dröhnt es. Die ständige Dauerberieselung mit sogenannter Musik kann ganz schön nerven, vor allem, wenn dazu noch die vielen anderen Geräusche kommen, die tagtäglich auf uns eindringen: Autos, Presslufthämmer, Flugzeuge, Straßenbahnen, Züge und vor allem verstärkt Töne, die vor wenigen Jahren noch zur Ausnahme zählten, ja eher zu Automaten, Spielhöllen und Jahrmärkten zu passen schienen, nun aber aller Orten schrillen, klingeln und piepsen. (...) "Akustische Umweltverschmutzung" nennt der Kölner Autor Rüdiger Liedtke die tägliche Konfrontation mit Geräuschen, denen wir in immer stärkerem Maße ausgesetzt sind. (...)

Liedtke hat nichts gegen Musik. Im Gegenteil – er schreibt in seinem Buch: "Eine CD, eine Cassette oder auch ein Konzertbesuch können mich entspannen... Doch das bleibt letztlich wohl die Ausnahme. Denn die Regel ist, dass sich die Menschen beschallen lassen, ohne hinzuhören. Dass sie sich einfach nur berieseln lassen, um sich zu unterhalten, um nicht allein zu sein." Ganz abgesehen davon, dass das viel über Probleme im Sozialverhalten und über die Unfähigkeit zur Kommunikation aussagt, bedeutet die Dauer-berieselung auch für die Gesundheit einen permanenten Stresszustand. "Der Mensch braucht Musik", betont Liedtke in seinem informativen und unter-haltsamen Buch über "akustische Nervtöter, musikalische Drogen und die lauteste Welt, die es je gab". Doch da die Ohren des Menschen, anders als seine Augen, ständig auf Empfang geschaltet sind, kann Musik von der Erbauung und Hilfe in Bedrohung und Verflachung umschlagen, unter anderem, wenn der Umgang mit Musik zum unfreiwilligen Ausgesetztsein wird, wenn Musik sich in ihrer Funktion und Wirkung der des Geräusches annähert und wenn Musik sich außerästhetischen Intentionen unterordnet, so zum Beispiel mit dem Ziel, Kauflust anzuregen.

Aber es scheint ja kein Entkommen zu geben vor diesem "Klangstaub", der auf unserem Leben liegt. Liedtke aber zeigt auf, dass man durchaus wieder lernen kann, mit dem Psychoterror, dem unerträglichen Lärm und dem latenten Krach – denn zu all dem kann selbst Musik werden – fertig zu werden und sich die Stille ins Leben zurückzuholen. Wobei leider in unseren hellhörigen Wohnungen der Weg zur Ruhe und Erholung in der Praxis noch weit ist. Doch Liedtke plädiert, dass jeder erfahren und testen sollte, wie viel Musik ihm gefällt, ihn nicht stört, ihn beglückt oder aggressiv macht. "Stille", so formuliert Liedtke, "ist in unserer technisierten und hektischen Gesellschaft nun einmal in erster Linie der kritische und bewusste Umgang mit der akustischen Glocke, unter der wir leben. Wenn wir sie durchbrechen lernen, haben wir den wichtigsten Schritt getan, uns vor ihr zu schützen, die Stille neu zu entdecken und damit uns selbst und unsere Umwelt".

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