Dienstag,
17. Oktober 2017

Die großen Kriminalfälle






Buch und Regie:
Rüdiger Liedtke, Ulrike Brincker
Kamera:
Jürgen Dahlhoff, Tom Kaiser
Schnitt:
Birgit Karass
Produktion:
WDR 2010

20. Juli 1977. Bereits neun Stunden vor Prozessbeginn warten Hunderte  Schaulustige vor dem Münchener Justizpalast. Das Sicherheitspersonal kann die Menschenmenge nur mühsam unter Kontrolle halten. Es müssen Barrieren errichtet werden, eine Glastür geht zu Bruch. Um neun Uhr wird die Angeklagte Ingrid van Bergen durch einen Seiteneingang ins Gerichtsgebäude geführt. Sie soll ihren Geliebten Klaus Knaths erschossen haben: aus Eifersucht. Auf den ersten Blick ein "einfaches" Beziehungsdelikt, wie es nahezu täglich in Deutschland begangen wird. Doch „der Fall Ingrid van Bergen“ wird zu einem Sensationsprozess. Ein Fall, der von Beginn an von Theatralik begleitet wird.

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Die beteiligten Personen sind prominent, die Umstände nahezu bühnenreif: die Täterin, eine alternde Schauspielerin, die ehemals als blondes Kurvenwunder glänzte und nach wie vor die Rolle ihres Lebens sucht. Das Opfer, ein zwölf Jahre jüngerer Familienvater und Finanzmakler, der sein finanzielles Überleben mit Verhältnissen zu reichen Frauen sichert und schließlich sterbend im verschneiten Rosenbeet gefunden wird. Eine Handvoll mehr oder weniger prominenter Zeuginnen, die ebenfalls Verhältnisse zum Opfer unterhielten. Dazu Rolf Bossi als Staranwalt auf großer Bühne. Und schließlich die Mutter des Opfers, die die Tat am Telefon "live" mitverfolgte.

Im Vorfeld hatten die Medien monatelang über den Fall berichtet, jedes noch so intime Detail über Opfer und Angeklagte verbreitet. In der medialen Aufbereitung wurde aus dem Tötungsdelikt ein Boulevardstück im Milieu der Münchener Schickeria. Auch vor Gericht entsteht der Eindruck einer großen Inszenierung. Die Angeklagte erscheint ganz in schwarz, mit mädchenhafter Gretchenfrisur, spricht druckreif und ohne größere Gefühlsäußerungen. Ist alles nur gespielt? Macht sie das aus Selbstschutz? Aus Berechnung? Oder kann sie gar nichts anders, als in immer neuen Rollen aufzutreten?

In der Tatnacht hat sie stundenlang auf den Geliebten gewartet. Er trieb sich in den Bars herum, wie so oft. „Das Ganze hat sich aufgebaut,“ sagt Ingrid van Bergen heute. „Ich war immer bereit, ihm zu verzeihen. Das ist doch klar. Wenn ein Mann zu mir sagt: ‚Ich liebe Dich, es gibt außer Dir keine Frau und nichts anderes', glaubt man das doch allzu gerne.“

Doch als Klaus Knaths endlich nach Hause kommt, gibt es Streit. Tödlichen Streit. Sie habe gedacht, dies alles sei nur ein Spiel gewesen und der Revolver nicht geladen, erklärte Ingrid van Bergen den Polizisten, die in der Nacht vom 2. auf den 3. Februar 1977 als erste in der Starnberger Villa  erschienen. Trotzdem feuerte sie drei Schüsse aus einer Smith Wesson, Kaliber 38. Der erste ging durch ein Fenster, die beiden anderen trafen das Opfer. Und doch wollte sie bis zuletzt geglaubt haben, ihr Geliebter spiele nur, sei nur leicht verletzt. An den genauen Tathergang, so versicherte sie immer wieder, könne sie sich nicht erinnern: "Ich weiß nicht einmal, dass ich geschossen habe. Ich weiß gar nichts."

Der Film von Ulrike Brincker und Rüdiger Liedtke rekonstruiert die Tatnacht und wirft einen Blick hinter die Kulissen der Münchner Schickeria. Die Dokumentation entwirft das Psychogramm einer Täterin, die nach Liebe und Enttäuschung aus Eifersucht tötet. Den Autoren ist es gelungen, Ingrid van Bergen und deren Anwalt Rolf Bossi vor die Kamera zu bekommen und das "Liebesdrama aus Eifersucht" nach über 30 Jahren mit ihnen gemeinsam noch einmal Revue passieren zu lassen.

Erstsendung: ARD 12. Juli 2010, 21.00 Uhr