Mittwoch,
23. August 2017

Die Vertreibung der Stille

Wie uns das Leben unter der akustischen Glocke um unsere Sinne bringt

Schönbergers Verlag, München 1985; Taschenbuch: dtv/Bärenreiter, München 1988

»Musik ist angenehm zu hören, doch ewig braucht sie nicht zu währen«. Schon Wilhelm Busch wußte, was uns heute durch Klangteppiche und Musiktapeten um unsere Sinne bringt: Überall, im Restaurant, im Kaufhaus, im Supermarkt, am Fließband, im Büro oder in der Arztpraxis, sind wir einer Geräuschkulisse aus-gesetzt. Warum eigentlich, wird in dem Buch gefragt, »müssen wir uns Tag für Tag und Nacht für Nacht durch akustische Müllhalten quälen mit zum größten Teil minderwertiger Musik, mit stromlinienförmiger Konservenmusik, die uns einlullt, unsensibel macht, gefügig werden läßt, mit Musik, die uns bis in den letzten Winkel unseres Alltags verfolgt?«

Das Buch kommt u.a. zu dem Schluß, daß die Tonlandschaft von einst – die Geräusche von Wind und Meer, das Plätschern des Wassers, das Rauschen der Blätter oder das Zwitschern der Vögel – wegen der akustischen Reizüberflutung kaum noch wahrgenommen werden kann. Das Buch deckt außerdem anhand drastischer Beispiele die psychologische Funktionalisierung von Musik auf: Wie am Arbeitsplatz gleichmäßige Leistungen erbracht oder die Konsumenten zu einer möglichst unkritischen Kaufhaltung stimuliert werden sollen.

Die akustische Umweltverschmutzung droht neben einer zunehmenden Ertaubung von immer mehr Menschen auch gravierende psychosomatische Erkrankungen hervorzurufen, ganz zu Schweigen von der Degenerierung musikalischer Erlebnisfähigkeit, der Reduzierung der Kritikfähigkeit und Kreativität, von Gleichschaltung und Einheitsgeschmack.

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